7. Ganztagsgrundschule

 

 


Nicht weil es schwer ist,
wagen wir es nicht sondern
weil wir es nicht wagen,
ist es schwer

(Seneca)


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7. Ganztagsgrundschule

Die Ganztagsschule ist keine Bildungsinstitution, die erst in den letzten Jahrzehnten entwickelt wurde. Im 19. Jahrhundert war es in Deutschland üblich, dass Schulen am Vormittag wie am Nachmittag Unterricht anboten und in England wie in Frankreich gibt es eine ununterbrochene Ganztagsschultradition, die auf annähernd zweihundert Jahre zurückblicken kann. Auch die Reformpädagogik im ersten Drittel des 20.Jahrhunderts favorisierte Ganztagsschulkonzepte. Der Deutsche Bildungsrat gab 1968 schließlich eine Empfehlung zum Ausbau von Ganztagsschulen heraus.

Dies wurde vor allem in den Gesamtschulen und einigen wenigen Reformschulen umgesetzt, die ab den 70er Jahren gegründet wurden.

Im Grundschulbereich spielten Ganztagsschulen bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts dagegen kaum eine Rolle. Ganztagsbetreuung für Kinder im Grundschulalter reduzierte sich im Wesentlichen auf Hortangebote, die allerdings kaum den öffentlichen Bedarf deckten. In der DDR hatte man dagegen mit der Schule-Hort-Kombination frühzeitig ein ganztagsschulähnliches System entwickelt, das vor allem für die 6 bis10jährigen große Bedeutung hatte. In den 90er Jahren wurde mit dem Ausbau von Betreuungsangeboten an Grundschulen Mischformen zwischen Schule-Hort-Kombinationen und Ganztagsschulen entwickelt, die allerdings als weitgehend unverbundene Anhängsel an den Unterrichtsormittag kaum Einfluss auf das Schulprofil hatten.

 

Die Diskussion um die PISA-Studie löste eine neue Entwicklung aus, weil gesehen wurde, dass PISA-Spitzenreiter wie Finnland und Schweden ein entwickeltes schulnahes Ganztagssystem in den letzten Jahrzehnten ausgebaut hatten. 2003 wurde von der Bundesregierung in Vereinbarungen mit den Bundesländern ein umfassendes Investitionsprogramm zum Ganztagsschulausbau aufgelegt. Dieses flankierte Länderprogramme wie in Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Brandenburg.

Die trotz schlechter Haushaltslage zum Teil aufwendigen Vorhaben von Bund und Ländern verfolgen verschiedene Ziele:

  • Das Übertragen positiver Erfahrungen der PISA -Spitzenreiter mit schulnaher Ganztagsbetreuung auf die bundesdeutsche Bildungslandschaft
  • Die Weiterentwicklung von Schulen zu Bildungs-, Erfahrungs- und Lebensorten an denen sich Kinder wohl fühlen können und zugleich Bildungsanlässe und -anstöße erhalten
  • Erweiterung der Fördermöglichkeiten sowohl für hochbegabte Kinder und Kinder mit besonderen Interessen als auch für Kindern mit Migrationshintergrund, mit Sprachproblemen oder anderen Förderbedarfen
  • Die Entlastung von Familien , insbesondere von allein erziehenden Elternteilen
  • Die Verbesserung der Chancen von Müttern, ihre beruflichen Qualifikationen auch ohne erziehungsbedingte Ausfallzeiten zu nutzen.

Die institutionellen, finanziellen und personellen Spielräume für das Erreichen dieser Ziele sind derzeit begrenzt. Umso wichtiger ist es, bei der Entwicklung und Umsetzung lokaler Ganztagsschulkonzepte Prozesselemente der Organisationsentwicklung und des Qualitätsmanagements zu nutzen, um pädagogische Qualität zu sichern. Vor allem folgende Qualitätsmerkmale bedürfen bei der Implementierung der Ganztagsschulidee besonderer Beachtung:

  • Beteiligung der verschiedenen Gruppen von Betroffenen, "Kunden", zukünftigen Akteuren und Unterstützern des Ganztagsbetriebs, z.B. der Eltern, und der in der Kinder- und Jugendarbeit tätigen Organisationen und Professionellen
  • Frühzeitige Entwicklung eines Planes für die einzelnen Schritte bei Konzipierung und Umsetzung des Ganztagskonzeptes
  • Frühzeitige Definition von Qualitätsmerkmalen und eines Systems von Schwachstellenanalyse und Evaluation
  • Anknüpfen an lokalen bzw. stadtteilbezogenen Erfahrungen, Ressourcen und institutionellen wie informellen Netzwerken (Konzept der Nachbarschafts-schule)
  • Entwicklung einer Angebotsvielfalt, die Fördermaßnahmen, Neigungsangebote, selbstorganisierte Projekte und vor allem verschiedene Formen von Bewegung, Entspannung, musisch-kreativen Aktivitäten und des Spielens enthält
  • Schrittweise Ausdifferenzierung einer rhythmisierten Zeitstruktur, die Verklammerungen zwischen Vormittag und Nachmittag enthält, damit die Ganztagsschule insgesamt eine veränderte Lernkultur entwickeln kann
  • Einbau von Beteiligungsmöglichkeiten für die Kinder, damit das verlängerte Zeitspektrum in der Schule positiv erfahren wird und auf Schul- und Lernfreude ausstrahlt
  • Schrittweise Entwicklung eines Raumprogramms, dass sowohl multifunktionale Räume als auch spezielle Räume für einzelne Handlungsbereiche vorsieht (z.B. für Mahlzeiten, Bewegung und Entspannung)
  • Nutzen der Multiprofessionalität der Akteure in der Ganztagsschule als Chance, die Schule zu einem vielgestaltigen Lebens- und Erfahrungsort mit einem unverwechselbaren Profil zu machen; dabei gewissenhaftes Schaffen von formellen wie informellen Kommunikationsspielräumen und von Mitgestaltungsmöglichkeiten, zugleich Schaffen klarer Verantwortlichkeiten gegenüber Kindern, Eltern, MitarbeiterInnen im Ganztag und LehrerInnen.

In den Jahren 1992-1995 habe ich den Modellversuch der Bund-Länder-Kommission "Integration schul- und sozialpädagogischer Handlungskonzepte im Rahmen ganztägiger Gestaltung des Schullebens in der Grundschule" geleitet. 2002 und 2003 habe ich an Expertenanhörungen zu den PISA- Konsequenzen und zur Ganztagsschulentwicklung im Landtag NRW teilgenommen. Bei der Entwicklung der Offenen Ganztagsgrundschule konnte ich verschiedene Städte in NRW beraten, vor allem die Stadt Herford, in der alle elf Grundschulen zu offenen Ganztagsgrundschulen umgewandelt werden. Veröffentlichungen hierzu seit 2004 in: "Die Ganztagsschule", "Die Schulverwaltung", "Jahrbuch Ganztagsschule 2005" sowie im Internet z.B. in Links der Homepage des "Ganztagsschulverbandes"

© Tassilo Knauf  2003 und 2010

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